Für Alexander Liebreich ist das Dirigieren eine Frage der Geisteshaltung. Offenheit und Neugierde sind wesentliche Merkmale seines Wirkens, was sich gleichermaßen interpretatorisch und programmatisch äußert. Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis integriert er ebenso wie die Pflege der zeitgenössischen Musik – ganz selbstverständlich, befreit von dogmatisch-ideologischem Druck. Berührungsängste sind ihm fremd, zumal er nicht zuletzt mit konzisen Konzertprogrammen und dem Entwickeln neuer Konzertformate bleibende Akzente setzt.

Alexander Liebreich zählt somit zu den inspiriertesten Dirigenten seiner Generation, was er seit 2012 als Chefdirigent des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks in Katowice eindrucksvoll unter Beweis stellt. Schon in dieser kurzen Zeit hat es Alexander Liebreich geschafft, das traditionsreiche Orchester klanglich und programmatisch neu aufzustellen, wofür er in Polen bereits größte Anerkennung erfährt. Zudem konnte er das Münchener Kammerorchester, dem er seit 2006 als Chefdirigent vorsteht, weiter nach vorne bringen – auch weil er eine Vielzahl neuer Konzertformate entwickelte, die nachhaltig in die Stadt wirken und das Konzertleben der Musikmetropole maßgeblich bereichern.

Von diesem Geist der Erneuerung profitiert auch das Tongyeong International Music Festival (TIMF) in Südkorea, das er von 2011 bis 2014 leitete. Hier installierte Alexander Liebreich das wegweisende „east-west-residency-programme“, bei dem er profilierte Komponisten der Gegenwart präsentierte – darunter Salvatore Sciarrino, Heiner Goebbels, Beat Furrer oder Unsuk Chin. Dabei kommt Alexander Liebreich ursprünglich aus dem klassischen Repertoire, von Mozart, Beethoven und Mendelssohn. Für das Musizieren an sich hat dies weitreichende Konsequenzen, da er aus der klassischer Perspektive sowohl das romantische als auch das moderne Repertoire entwickelt.

Schlankheit, Klarheit und Agilität sind ihm zentrale interpretatorische Anliegen, womit er vielfach ungeahnte Perspektiven in Werken freilegt. Darüber hinaus ist sich Alexander Liebreich ebenso der historischen, politischen und sozialen Dimension von Musik bewusst – im Sinne einer Verantwortung, die in die Zukunft gerichtet ist, um das Heute zu gestalten. Musik ist für ihn eine Metapher auf die Fragen des Warum, um Visionen in den Raum zu stellen. Diese Haltung verbindet ihn mit Michael Gielen, bei dem er studierte. Von ihm hat Alexander Liebreich ein umfassendes Gespür für konzise Dramaturgie und für kritisch-analytisches Denken vermittelt bekommen.

Zudem wurde er wesentlich von Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt geprägt. Wie Claudio Abbado begreift auch Alexander Liebreich das Dirigieren aus dem Geist der Kammermusik. Der Dirigent ist Teil eines gemeinschaftlich zu erreichenden Ereignisses, womit zugleich eine Brücke zu Nikolaus Harnoncourt geschlagen ist. Hier rückt das dialogische Element ins Zentrum, bei dem nicht zuletzt Affekte und Effekte sinnstiftend geschärft werden. Dabei nutzt Liebreich dieses Element auch dazu, um das Vokale und Instrumentale originär als Einheit zu begreifen. Damit überzeugt er zugleich im Opernfach, wobei die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hans Neuenfels an der Oper Frankfurt besonders heraussticht.

Tatsächlich bildet das Vokale einen besonderen Schwerpunkt im Werdegang von Alexander Liebreich. In Regensburg geboren, kam er frühzeitig in Kontakt mit der Chor-Tradition seiner Heimatstadt. Neben dem Dirigieren studierte er Gesang, um sich zugleich der Romanistik und Musikwissenschaft zu widmen. Diese Reflexionen und Befragungen von Sprache und Musik haben auch weitreichende Konsequenzen für die Interpretation von Instrumentalmusik, was sich frühzeitig bereits beim Radio Filharmonisch Orkest in Hilversum offenbarte. Zahlreiche renommierte Orchester hat Alexander Liebreich in der Zwischenzeit dirigiert, zuletzt debütierte er in Sälen wie dem Wiener Musikverein, der Suntory Hall in Tokio oder der Cité de la Musique – stets mit Programmen, die die Ohren öffnen.

Auch in Nordkorea hinterließ Alexander Liebreich als Gastprofessor bleibende Spuren, als er die dortige Erstaufführung der Achten Sinfonie von Bruckner mit jungen Musikern dirigierte – eindrucksvoll dokumentiert durch den Film „Pyongyang Crescendo“ von 2005.

Mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks, dem Pianisten Krystian Zimerman und dem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks eröffnet Alexander Liebreich im Oktober 2014 die neue Philharmonie in Katowice – ein Großereignis, zumal der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota das akustische Design entworfen hat.

In einem von 2014-2016 laufenden Projekt gibt Alexander Liebreich gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor und dem Münchener Kammerorchester jedes Jahr ein Werk in Auftrag, das bei seiner Uraufführung einem etablierten Werk gegenüber gestellt wird. Nach Salvatore Sciarrino im Frühjahr 2014 ist der Komponist in dieser Saison Pascal Dusapin, dessen Werk dem Requiem von Maurice Duruflé gegenüber stehen wird. In der weiteren Saison wird er neben den Konzerten in Polen (u.a. mit den Solisten Isabelle Faust und Gautier Capuçon) und der Spielzeit beim Münchener Kammerorchester, die unter dem Motto „Kindheit“ steht, sein Debüt bei der Dresdner Philharmonie dirigieren und beim Sinfonieorchester Basel mit Mikloš Perenyi auf der Bühne stehen.

 Saison 2014/15