Münchener Kammerorchester

Eine außergewöhnlich kreative Programmgestaltung in Verbindung mit der in kontinuierlicher Arbeit gewachsenen Homogenität des Klangs: Mehr als 60 Jahre nach seiner Gründung in der un­mittelbaren Nachkriegszeit präsentiert sich das Münchener Kammerorchester heute als Modellfall in der deutschen Orchesterlandschaft. Um über 40 Prozent konnte das En­semble unter der Künstlerischen Leitung von Alexander Liebreich die Abonnentenzahlen in den vergangenen Spielzeiten steigern, und dies bei durchweg anspruchsvollen Angeboten. Unter einem Saison-Motto – ›Licht‹, ›Politik‹, ›Alpen‹, ›Jenseits‹, ›Architektur‹ und nun „Ostwärts“ – kon­frontieren die Programme des MKO Werke früherer Jahrhunderte assoziativ, spannungsreich und oft überraschend mit Musik der Gegenwart.

Fast vierzig Uraufführungen hat das Kammerorchester zu Gehör gebracht. Für seine ideenreiche Repertoireauswahl hat das MKO zahlreiche Preise erhalten, darunter zwei Auszeichnungen des Deutschen Musik­verlegerverbandes für das beste Konzertprogramm (2001/02 bzw. 2005/06). Komponisten wie Iannis Xenakis, Wolfgang Rihm, Tan Dun, Chaya Czernowin und Jörg Widmann haben für das Kammerorchester geschrieben; allein seit 2006 hat das MKO Aufträge u.a. an Erkki-Sven Tüür, Thomas Larcher, Bernhard Lang, Nikolaus Brass, Samir Odeh-Tamimi, Klaus Lang, Mark Andre, Peter Ruzicka, Márton Illés, Georg Friedrich Haas und Tigran Mansurian vergeben.

Photo: Alexander Liebreich und das Münchener Kammerorchester

Alexander Liebreich, der zur Spielzeit 2006/07 Poppens Nachfolge antrat, setzt auf die Erlebnisqualität und kommunikative Intensität der zeitgenössischen Musik. Ein Denken in ästhetischen Lagern, wie es den Umgang mit dem musikalisch Neuen hierzulande über Jahrzehnte bestimmt hat, ist Liebreich ohnehin fremd. Ziel ist die vertiefende Auseinander­setzung mit ungewohnten Klängen, gerade auch in Wieder- und Nachaufführungen. 2008 erhielt das MKO den Preis ›Neues Hören‹ der Stiftung ›Neue Musik im Dialog‹. Gewürdigt wurde hiermit, so die Begründung der Jury, der ›unerschöpfliche Ideenreichtum bei der Er­probung von neuen Wegen in der Vermittlung zeitgenössischer Musik‹.

›Es gibt sie, die lange Schlange an der Kasse, wenn heutzutage Musik von heutzutage ge­spielt wird. Nicht überall, aber hier‹, staunte Eleonore Büning unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und in der Münchner Abendzeitung bemerkte Robert Braun­müller: ›Das MKO widerlegt die These vom angeblich so konservativen Publikum, das immer nur den gleichen Beethoven, Brahms und Bruckner hören mag. Hier blüht die größte Liebe Münchens zwischen Musikern und Publikum. Neben den Donnerstagabenden im Prinz­regententheater, der Hauptspielstätte des Orchesters, hat das Kammerorchester in den ver­gangenen Jahren eine Reihe ungewöhnlicher Konzertformate etabliert. Ein ebenso kundiges wie großes Publikum finden seit nunmehr sieben Jahren die ›Nachtmusiken‹ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne, die jeweils ein komplettes Programm einem Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts widmen. Regelmäßig erteilt das Kammerorchester einem Musiker die ›carte blanche‹ einer völlig freien Programmauswahl, während das ›concert sauvage‹ die Zuhörer bis zum Beginn des Abends im Unklaren darüber lässt, welches Repertoire mit welchen Solisten zu hören sein wird. Seit Frühjahr 2010 gibt es zudem eine Kooperation des MKO mit den Münchner Kammerspielen, unter anderem mit drei „Kammermusik-Nächten“ pro Saison, die ganz im Zeichen zeitgenössischer Musik stehen.

Die Entdeckerlust des MKO-Publikums belegt, dass es neben den ›typisch Münchner Para­metern‹ – ›das Emotionale, das Mediterrane, das Katholische, das Rituelle‹ (Opernintendant Nikolaus Bachler) – in der bayerischen Landeshauptstadt ein nicht minder starkes Bedürfnis nach spielerischem Erkenntnisgewinn gibt: Nach herausfordernden Begegnungen mit dem Unbekannten, geleitet von Musikern, deren Energie, Begeisterung und Risikobereitschaft sich direkt in den Saal übertragen. Basis einer derart intensiven musikalischen Kommunika­tion ist dabei immer die spieltechnische Qualität des Orchesters. Alexander Liebreich hat die 25 fest angestellten Streicher in den vergangenen Spielzeiten zu einem Ensemble geformt, das über eine enorme stilistische Vielseitigkeit verfügt. Agil schalten die Musiker etwa von historisch informierten Interpretationen barocker und klassischer Werke auf die anspruchs­vollen Spieltechniken zeitgenössischer Musik um.

Im Zusammenwirken mit einem festen Stamm erstklassiger Solobläser aus europäischen Spitzenorchestern profiliert sich das MKO als schlank besetztes Sinfonieorchester, das dank seiner besonderen Klangkultur auch in Hauptwerken Beethovens, Schuberts oder Schu­manns interpretatorische Maßstäbe setzen kann. Namhafte Gastdirigenten und eine Phalanx herausragender internationaler Solisten sorgen regelmäßig für weitere künstlerische Im­pulse. Feste Bestandteile der Abonnementreihe wie auch der Gastspiele des Orchesters sind überdies Konzerte unter Leitung eines der beiden Konzertmeister. Die Verantwortungs­bereitschaft und das bedingungslose Engagement jedes einzelnen Musikers teilen sich an solchen Abenden mitunter besonders intensiv mit.

Das MKO versteht sich als modernes und flexibles Ensemble, das sich nicht nur für ein denkbar breites Repertoire verantwortlich fühlt, sondern auch mannigfache Aktivitäten außerhalb der Abonnementreihen entfaltet. Rund sechzig Konzerte pro Jahr führen das Orchester auf wichtige Konzertpodien in aller Welt. In der Saison 2010/11 standen u.a. Tourneen nach Asien (Taiwan, Hongkong, Macao, Peking), Spanien, Skandinavien und Südamerika – mit Gastspielen in Rio de Janeiro, São Paulo, Santiago de Chile und im Teatro Colón in Buenos Aires – auf dem Plan des Orchesters.

Bei ECM Records sind Aufnahmen des Orchesters mit Werken von Karl Amadeus Hartmann, Sofia Gubaidulina, Johann Sebastian Bach und Anton Webern, Tigran Mansurian, Giacinto Scelsi, Barry Guy, Thomas Larcher und Valentin Silvestrov erschienen. Die erste Produktion unter Leitung von Alexander Liebreich mit Werken von Joseph Haydn und Isang Yun (ebenfalls bei ECM) bezeichnete der ›New Yorker‹ 2009 als eine ›der überzeu­gendsten Klassikaufnahmen der letzten Monate‹. 2011 wird die Zusammenarbeit mit der Veröffentlichung einer CD mit Werke von Toshio Hosokawa fortgesetzt. Im Frühjahr 2010 erschien bei der Deut­schen Grammophon ein Bach-Programm der Geigerin Hilary Hahn mit Christine Schäfer, Matthias Goerne und dem MKO unter Leitung von Alexander Liebreich. Im Mai 2011 wurde bei Sony Classical eine CD mit Ouvertüren von Gioachino Rossini veröffentlicht.

Einen Schwerpunkt der Aktivitäten, die Alexander Liebreich mit dem Münchener Kammer­orchester initiiert hat, bildet die integrative Arbeit im Rahmen des ›Projekt München‹. Konzerte und Workshops, eine Orchesterpatenschaft mit dem Puchheimer Jugendkammer­orchester und weitere Initiativen haben dabei eine Vernetzung des Orchesters am Standort München und die Kooperation mit Institutionen im Jugend- und Sozialbereich zum Ziel. Der Gedanke gesellschaftlicher Verantwortung liegt auch dem Aids-Konzert des Münchener Kammerorchesters zugrunde, das sich in den vergangenen fünf Jahren als feste Einrichtung im Münchner Konzertleben etabliert hat.